Ratgeber
Mitragynin: Halbwertszeit, Wirkdauer, Toxizität und chemische Struktur
Wer nach Halbwertszeit oder Toxizität von Mitragynin sucht, findet viele Zahlen ohne Herkunft. Hier stehen nur Werte, die sich auf eine begutachtete Studie zurückführen lassen – und deutlich markiert, wo das Wissen endet.
Mitragynin auf einen Blick (Wiki-Steckbrief)
| Merkmal | Angabe | Quelle |
|---|---|---|
| Stoffklasse | Indolalkaloid vom Corynanthe-Typ | Váradi et al. 2016 |
| Summenformel | C23H30N2O4 | J AOAC Int 2026 |
| Molmasse | 398,5 g/mol | J AOAC Int 2026 |
| CAS-Nummer | 4098-40-2 | J AOAC Int 2026 |
| Vorkommen | Blätter von Mitragyna speciosa (Kratom) | EUDA |
| Wirkort | partieller Agonist am μ-Opioidrezeptor | Kruegel et al. 2016 |
| Halbwertszeit (Mensch) | ca. 23–45 Stunden | Trakulsrichai 2015; Tanna 2022 |
Chemische Struktur von Mitragynin
Mitragynin ist ein Indolalkaloid: ein stickstoffhaltiger Naturstoff mit einem Indol-Ringsystem. Chemiker ordnen ihn dem Corynanthe-Typ zu. Die Summenformel C23H30N2O4 teilt er mit drei weiteren Kratom-Alkaloiden – Speciogynin, Speciociliatin und Mitraciliatin. Sie unterscheiden sich nur in der räumlichen Anordnung einzelner Atome (Diastereomere) und müssen im Labor deshalb chromatographisch getrennt werden. Das ist einer der Gründe, warum eine ordentliche Laboranalyse mehr ist als eine Zahl.
Zum Vergleich: 7-Hydroxymitragynin (7-OH) hat ein Sauerstoffatom mehr (C23H30N2O5, 414,5 g/mol). Dieser kleine Unterschied macht es am Opioidrezeptor deutlich stärker. Siehe Was ist 7-OH?
Halbwertszeit von Mitragynin
Die Halbwertszeit gibt an, nach welcher Zeit die Hälfte eines Stoffs aus dem Blut verschwunden ist. Für Mitragynin gibt es zwei Studien am Menschen:
- Trakulsrichai et al. (2015): zehn regelmäßige Kratom-Konsumenten in Thailand, Kratom-Tee in bekannter Menge. Höchste Blutkonzentration nach rund 50 Minuten (0,83 ± 0,35 h), terminale Halbwertszeit 23,2 ± 16,1 Stunden. Nur 0,14 % wurden unverändert mit dem Urin ausgeschieden.
- Tanna et al. (2022): sechs gesunde Freiwillige, einmalig 2 g eines analysierten Kratom-Produkts. Für Mitragynin und die eng verwandten Alkaloide Speciogynin und Paynanthein: höchste Konzentration nach 1–2 Stunden, terminale Halbwertszeit 24–45 Stunden.
Beide Studien sind klein, und die Werte schwanken stark zwischen Personen. Eine Halbwertszeit von etwa einem Tag bedeutet, dass Mitragynin bei täglichem Gebrauch nicht über Nacht verschwindet. Die thailändische Studie stellte ihre Teilnehmer deshalb vorab sieben Tage lang gleichmäßig ein, um einen stabilen Ausgangsspiegel zu erreichen.
Wirkdauer: Was die Halbwertszeit nicht sagt
Wie lange Mitragynin wirkt, ist eine andere Frage als die, wie lange es im Blut ist. Zur Wirkdauer beim Menschen haben wir keine belastbaren Studiendaten gefunden. Hinzu kommt, dass ein Teil des Mitragynins in der Leber zu 7-OH umgebaut wird, das eigene Wirkungen hat – und dass Medikamente diesen Umbau verändern können. Siehe Wechselwirkungen.
Potenz, Stärke, analgetische Potenz: Mitragynin im Vergleich zu Morphin
Wie „stark“ ein Opioid ist, hängt vom Messverfahren ab. Zwei Befunde aus dem Labor:
- Partieller Agonist: Mitragynin aktiviert den μ-Opioidrezeptor nur teilweise und bevorzugt den G-Protein-Signalweg (Kruegel et al., 2016).
- Opioidwirkung im Gewebetest: In einem klassischen Versuch an Meerschweinchen-Darmgewebe, mit dem Opioidwirkungen gemessen werden, brauchte Mitragynin eine höhere Konzentration als Morphin, um dieselbe Hemmung zu erreichen; nach den Verhältniszahlen der Studie etwa die fünffache (Yamamoto et al., 1999).
- Schmerzlindernde (analgetische) Wirkung bei Mäusen: Ein Großteil davon ging auf das im Körper gebildete 7-OH zurück, nicht auf Mitragynin selbst (Kruegel et al., 2019).
Daraus lassen sich keine Mengenangaben für Menschen ableiten. Mehr zur Wirkung: Kratom Wirkung.
Toxizität von Mitragynin
Für Mitragynin gibt es keinen verlässlichen Grenzwert, ab dem es gefährlich oder tödlich wird:
- Nevada (2021): Auswertung von 35 Todesfällen. Bei Todesfällen durch Vergiftung lag Mitragynin im Blut zwischen 8,7 und 1.800 ng/ml; in einem Fall war es der einzige gefundene Stoff (950 ng/ml). Fälle mit anderer Todesursache hatten ähnliche Werte (110–980 ng/ml). Ein statistisch signifikanter Unterschied fand sich nicht.
- Kanada (2018): erster dokumentierter Todesfall dort, bei dem die Mitragynin-Konzentration nach Einschätzung der Autoren für sich allein tödlich war.
- USA (CDC, 2019): Von 27.338 untersuchten Überdosis-Todesfällen war bei 152 Kratom nachweisbar; nur bei 7 war es die einzige gefundene Substanz.
Das deutsche BfR beschreibt Fallberichte mit Leber- und Nierenschäden bis zum Multiorganversagen, Herzrhythmusstörungen, Krampfanfällen und Hirnödem. Ausführlich: Nebenwirkungen und Risiken.
Mitragynin-Vergiftung: Was tun?
Bei Bewusstseinsstörung, Atemproblemen, Krampfanfall oder Brustschmerz: sofort 112. Für Fragen rund um eine mögliche Vergiftung sind die Giftnotrufzentralen erreichbar, zum Beispiel Berlin 030 19240, München 089 19240, Bonn 0228 19240. In Österreich: Vergiftungsinformationszentrale +43 1 406 43 43.
Häufige Fragen
Was ist die Halbwertszeit von Mitragynin?
In der ersten Studie am Menschen (zehn regelmäßige Konsumenten in Thailand) lag die terminale Halbwertszeit im Mittel bei rund 23 Stunden, mit großer Streuung. Eine Studie mit sechs gesunden Freiwilligen fand für Mitragynin und verwandte Alkaloide 24 bis 45 Stunden.
Was bedeutet Toxizität bei Mitragynin?
Toxizität heißt Giftigkeit: ab welcher Menge und auf welche Weise ein Stoff schadet. Für Mitragynin gibt es keine verlässliche Grenze. In einer Auswertung von 35 Todesfällen aus Nevada überschnitten sich die Blutwerte von Fällen, in denen Mitragynin zum Tod beitrug, mit Fällen, in denen er keine Rolle spielte.
Was ist eine Mitragynin-Vergiftung?
Eine Vergiftung liegt vor, wenn ein Stoff den Körper so stark beeinträchtigt, dass Gesundheitsschäden auftreten. Das BfR nennt für Kratom Fallberichte mit Krampfanfällen, Herzrhythmusstörungen, Verwirrtheit, Leber- und Nierenschäden bis zum Organversagen. Im Notfall: 112. Giftnotruf Berlin: 030 19240, München: 089 19240.
Quellen
- Trakulsrichai et al., Pharmacokinetics of mitragynine in man, Drug Des Devel Ther 2015 (PMC4425236) (2015)
- Tanna et al., Pharmaceutics 2022 (PMC8950611) (2022)
- Elevated 7-Hydroxymitragynine Levels Found in Products Misbranded as Kratom, J AOAC Int 2026 (PMC12733965) (2026)
- Avoiding False Identification of 7-Hydroxymitragynine…, J Am Soc Mass Spectrom 2026 (PMC13154205) (2026)
- Váradi et al., J Med Chem 2016 (PMC5344672) (2016)
- Yamamoto et al., Gen Pharmacol 1999 (PMID 10428019) (1999)
- Kruegel et al., J Am Chem Soc 2016 (PMID 27192616) (2016)
- Kruegel et al., ACS Central Science 2019 (PMID 31263758) (2019)
- Kratom-Associated Fatalities in Northern Nevada, Am J Forensic Med Pathol 2021 (PMID 34091497) (2021)
- Wang & Walker, Acad Forensic Pathol 2018 (PMC6490129) (2018)
- CDC – MMWR 68(14), 2019 (2019)
- BfR – Mitteilung 032/2025 (2025)
- BVL – Giftnotrufzentralen (2026)