Ratgeber
Was ist Mitragynin? Der Hauptwirkstoff von Kratom erklärt
Mitragynin macht den größten Teil der Alkaloide im Kratom-Blatt aus. Wer Kratom verstehen will, muss Mitragynin verstehen.
Chemie in zwei Sätzen
Mitragynin ist ein Indolalkaloid, also ein stickstoffhaltiger Naturstoff mit einem Ringsystem, wie es auch in vielen anderen Pflanzenwirkstoffen vorkommt. Es wurde zuerst 1921 aus Kratomblättern isoliert und ist bis heute der am besten untersuchte Inhaltsstoff der Pflanze.
Wie Mitragynin wirkt
Mitragynin bindet an den μ-Opioidrezeptor – denselben Rezeptor, an dem auch Morphin wirkt. Die Bindung ist aber anders: Mitragynin ist ein partieller Agonist. Es aktiviert den Rezeptor also nur teilweise. Laborstudien (Kruegel et al., 2016) zeigen außerdem, dass es bevorzugt einen bestimmten Signalweg anstößt (G-Protein) und einen anderen (β-Arrestin) kaum. Dieser zweite Weg wird mit einigen typischen Nebenwirkungen klassischer Opioide in Verbindung gebracht. Ob sich daraus beim Menschen ein günstigeres Risikoprofil ergibt, ist nicht abschließend geklärt.
Laut Weltgesundheitsorganisation bindet Mitragynin zusätzlich an adrenerge, serotonerge und dopaminerge Rezeptoren. Das erklärt, warum Kratom je nach Menge sehr unterschiedlich beschrieben wird: In niedrigen Mengen eher anregend, in hohen eher dämpfend.
Die Umwandlung zu 7-OH
Ein wichtiger Befund der letzten Jahre: In der Leber wird ein Teil des Mitragynins durch das Enzym CYP3A4 in 7-Hydroxymitragynin (7-OH) umgewandelt. 7-OH wirkt am Opioidrezeptor deutlich stärker als Mitragynin selbst. Bei Mäusen erklärte das im Gehirn gebildete 7-OH einen Großteil der schmerzlindernden Wirkung von Mitragynin (Kruegel et al., 2019).
Daraus folgt auch ein praktischer Punkt: Medikamente oder Lebensmittel, die CYP3A4 hemmen oder anregen, können verändern, wie viel 7-OH entsteht. Mehr dazu unter Wechselwirkungen.
Wie viel Mitragynin steckt in Kratom?
Der Gehalt schwankt stark – nach Herkunft, Erntezeit und Verarbeitung. Eine thailändische Studie mit 611 Blattproben fand Werte zwischen 0,35 und 3,46 Prozent, abhängig vor allem von der Jahreszeit der Ernte. In handelsüblichen Pulvern liegen typische Werte bei etwa 1 bis 2 Prozent. Was das konkret pro Gramm bedeutet, rechnen wir im Artikel Mitragynin-Gehalt: Wie viel steckt in 1 g Kratom? vor.
Mitragynin als Isolat und Extrakt
Neben dem Blattpulver werden Extrakte mit deutlich höherem Mitragynin-Anteil angeboten. Sie sind stärker konzentriert, und die üblichen Erfahrungswerte für Blattpulver lassen sich nicht auf sie übertragen. Siehe Kratom-Extrakt.
Rechtliche Einordnung
In Deutschland steht Mitragynin nicht in den Anlagen des BtMG. In der Schweiz ist es seit dem 1. Oktober 2017 als Betäubungsmittel kontrolliert, ebenso in mehreren EU-Staaten. Übersicht: Rechtslage.
Häufige Fragen
Ist Mitragynin legal in Deutschland? Mitragynin und das BtMG
Mitragynin steht nicht in den Anlagen I bis III des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) und nicht im Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG). Besitz ist deshalb nicht strafbar. Zugelassen ist Mitragynin aber weder als Arzneimittel noch als Lebensmittel. In der Schweiz ist es seit 1. 10. 2017 ein Betäubungsmittel. Mehr: Rechtslage in Deutschland.
Ist Mitragynin eine Droge oder ein Narkotikum?
Pharmakologisch wirkt Mitragynin opioidartig: Es aktiviert den μ-Opioidrezeptor teilweise. Rechtlich hängt die Einstufung vom Land ab. In Deutschland und Österreich ist es kein Betäubungsmittel; in der Schweiz, Polen, Italien, Dänemark und weiteren Ländern wird Mitragynin oder die Pflanze als Betäubungsmittel kontrolliert. Siehe Kratom in Europa.
Ist Mitragynin ein Medikament? Wofür wird es verwendet?
Nein, es gibt kein zugelassenes Arzneimittel mit Mitragynin; das BfArM betont, dass Wirksamkeit und Sicherheit nicht ausreichend geprüft sind. In Südostasien wurden Kratomblätter traditionell gegen Müdigkeit bei schwerer Arbeit und in der Volksmedizin etwa gegen Durchfall und Husten verwendet. Die Forschung untersucht Mitragynin als möglichen Ausgangspunkt für Schmerzmittel – das ist Grundlagenforschung, keine Anwendungsempfehlung.
Mitragynin-Dosierung und Dosis: Wie viel mg – auch bei Extrakt?
Dazu geben wir bewusst keine Empfehlung. Es gibt keine zugelassene Anwendung, aus der sich eine Dosierung ableiten ließe, und der Gehalt schwankt enorm: 0,35 bis 3,46 Prozent in Blattproben, bis 38,7 Prozent in Extrakten. Dieselbe Grammzahl kann deshalb ein Vielfaches an Mitragynin bedeuten. Hinzu kommen Wechselwirkungen mit Medikamenten und das Risiko der Abhängigkeit. Siehe Mitragynin-Gehalt und Nebenwirkungen und Risiken.
Mitragynin-Erfahrungen: Was sagen Erfahrungsberichte?
Erfahrungsberichte sind subjektiv und stark von Erwartungen geprägt. Eine Befragung von 644 Kratom-Nutzern (Huisman et al., 2023) zeigte, dass beschriebene Unterschiede zwischen Sorten den Werbetexten folgten, während Laboranalysen der Produkte keine nennenswerten Unterschiede im Alkaloidgehalt fanden. Belastbarer als Berichte sind Studien – siehe Kratom Wirkung.
Mitragynin als Kapseln, Tabletten, Pellets, Liquid, Sirup oder Gummies (Gummibärchen)?
Hinter solchen Produkten stecken meist Extrakte oder Produkte mit angereichertem 7-OH, nicht einfaches Blattpulver. Laut FDA werden konzentrierte 7-OH-Produkte unter anderem als Tabletten, Shots, Gummibonbons und Vapes verkauft. Lebensmittelähnliche Formen wie Gummies oder Sirup sind in der EU als Lebensmittel nicht zugelassen; Österreich verbietet psychoaktive Stoffe in Lebensmitteln seit 1. 9. 2026 ausdrücklich. Vergleich der Formen: Extrakt, Tabletten, Kapseln.
Reines Mitragynin und Mitragynin-Extrakt kaufen?
Angereicherte Extrakte und Isolate sind um ein Vielfaches stärker als Blattpulver, und Erfahrungswerte für Pulver lassen sich nicht übertragen. Wer Extrakt kauft, sollte auf ein Laborzertifikat zur Charge mit Mitragynin- und 7-OH-Gehalt bestehen. Unsere geprüften Shops: Wo kaufen?
Mitragynin im Labor: Welcher Standard wird verwendet?
Labore bestimmen Mitragynin meist per Flüssigchromatographie, oft mit Massenspektrometrie, und rechnen gegen einen zertifizierten Referenzstandard – eine Probe reinen Mitragynins mit bekanntem Gehalt. Weil drei andere Kratom-Alkaloide dieselbe Summenformel haben, muss die Methode sie sauber trennen. Mehr: Laboranalyse lesen und Mitragynin-Struktur.
Quellen
- Kruegel et al., J Am Chem Soc 2016 (2016)
- Kruegel et al., ACS Central Science 2019 (2019)
- WHO – 44th ECDD, Pre-Review Kratom (2021)
- EUDA – Kratom drug profile
- Sengnon et al., Plants 2023 (2023)
- Sharma et al., Drug Testing and Analysis 2019 (2019)
- Huisman et al., IJERPH 2023 (PMID 37510657) (2023)
- BfArM – Pressemitteilung 09/25 (2025)
- J AOAC Int 2026 – Referenzstandards (PMC12733965) (2026)
- FDA – 7-OH Assessment (2025)